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01.05.18

Amnesien

Die WEKO büsst die Engadiner Bauunternehmen Foffa Conrad AG, Bezzola Denoth AG, Zeblas Bau AG, Lazzarini AG, Koch AG Ramosch, Alfred Laurent AG und René Hohenegger Sarl mit insgesamt über 7,5 Millionen Franken, weil sie jahrelang Beschaffungen manipuliert und Preise abgesprochen haben. Das Kartell verursacht auch Gedächtnisverlust.

Die Firmen stimmten ab, welche von ihnen einen Auftrag erhalten sollte. Meist wurden gleichzeitig die Offertpreise bestimmt – pro forma mussten andere Kartellmitglieder mitofferieren, allerdings immer genau soviel teurer, dass sie durch das Ermessensspielraumraster der Gemeinden fielen. Die Auftragshöhe dieser Bauarbeiten des Kantons, von Gemeinden, der Rhätischen Bahn und von Privaten reicht von wenigen Zehntausend bis zu mehreren Millionen Franken. Vielfach ging es den involvierten Unternehmen gar nicht darum, überrissene Preise zu erzielen, sondern die Angebotsstruktur zu erhalten: Wenn für alle regelmässig etwas abfällt, muss keiner dichtmachen.

So auch für Baumeister Adam Quadroni, der den ganzen Fall ins Rollen brachte: Der Unterengadiner war lange selbst Teil des Kartells, kam zu Ansehen und Vermögen. 2006 stieg er aus Gewissensgründen aus und lieferte den Behörden Beweise für die illegalen Preisabsprachen. Von da an wurde Quadroni fertiggemacht: Er wurde verhaftet, in die Psychiatrie eingeliefert und ging Konkurs.

Die Abreden wurden oft an vom Graubündnerischen Baumeisterverband organisierten «Vorversammlungen» getroffen. Dessen Geschäftsführer ist Andreas Felix, Ex-Präsident der Bündner BDP und Ex-Kandidat für die Regierungsratswahlen im Juni. Zuständiger Regierungsrat ist Volkswirtschaftsdirektor Jon Domenic Parolini, ebenfalls BDP. Beide Politiker bestreiten, von den Absprachen gewusst zu haben. Trotzdem ist Felix als BDP-Chef und als Regierungsratskandidat zurückgetreten. Ob sich Parolini als Regierungsrat halten kann, ist ungewiss – das Onlinemagazin «Republik» ist überzeugt, dass der ehemalige Gemeindepräsident von Scuol von den Absprachen wusste. So oder so, mindestens ein Regierungsratssitz ist für die Bündner BDP verloren; einen Ersatz für Felix hat die Partei nicht in petto. Und ihr Aushängeschild, Finanzdirektorin Barbara Janom, darf aufgrund einer Amtszeitbeschränkung nicht mehr kandidieren.

Gar Bundesratsambitionen werden Ständerat Stefan Engler nachgesagt, der von 1999 bis 2010 als Vorsteher des Bündner Baudepartements zuständig für das kantonale Tiefbauamt war, das zu den Geschädigten gehört, aber 2009 Hinweise von Quadroni ignoriert haben soll. Nach seiner Zeit als Regierungsrat wechselte der CVP-ler in das Verwaltungsratspräsidium der Samedaner Lazzarini AG – eine der von der WEKO am höchsten gebüssten Firmen. Jetzt hat Engler den Lazzarini-VR verlassen, bleibt aber Verwaltungsratspräsident der Rhätischen Bahn, die ebenso zu den Geschädigten gehört. Gewusst haben will Engler, wenig überraschend, von der Angelegenheit nichts.

– Stephan Ziegler, Dr. phil. I