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01.06.18

Pflästerlipolitik

Ende Mai machte der Verwaltungsrat der vier St.Galler Spitalverbunde der Regierung einen überraschend mutigen Vorschlag: Er will neun Spitälern im Kanton fünf in Ambulatorien, Altersheime o. ä. umzuwandeln. Die Linke kreischt auf, die Bürgerlichen ziehen Köpfe und Schwänze ein – das Trauma von 2004 wirkt nach.

Spitalschliessungen werden im Kanton St.Gallen automatisch mit jener Regierungsratswahl assoziiert, die 2004 Gesundheitschef Anton Grüninger von der CVP das Amt kostete: Damals wollten die Verwaltungsräte die Spitäler Altstätten, Flawil und Wattwil schliessen. Grüninger erachtete die Stossrichtung als richtig und tat dies auch öffentlich kund. Das kostete ihn die Wiederwahl; seine Nachfolgerin wurde Heidi Hanselmann (SP), die das Thema seither tunlichst zu vermeiden wusste.

Bis heute: Wieder war es der Verwaltungsrat der Spitalverbunde, der die hiesige Spitallandschaft umkrempeln will – von neun auf vier Vollspitäler (St.Gallen, Grabs, Linth und Wil). Das Leistungsangebot in Altstätten, Walenstadt, Wattwil, Flawil und Rorschach soll neu konzipiert werden. Und wieder empören sich Parteien, demonstrieren Linke und kocht die Volksseele. Und wieder soll der Überbringer der schlechten Nachricht abgestraft werden: Der ehemalige CVP-Kantonsrat Werner Ritter fordert allen Ernstes, den Verwaltungsrat «durch geeignete Persönlichkeiten» zu ersetzen.

Kritische Diskussionen nicht zuzulassen: Diese Taktik wird auch heuer von den Parteien gefahren. Sie fürchten Stimmverluste, die ihnen das Engagement für eine neue Spitallandschaft bescheren könnte. Gewerkschaften wiederum befürchten, dass Angestellte ihre Stelle verlören – oder zumindest ihren Arbeitsort: Sie monieren, dass ein Wechsel desselbigen drohen könnte. Und erinnern natürlich daran, dass 2014 das Volk ja gesagt habe zur milliardenteuren Erneuerung der St.Galler Spitalinfrastruktur.

Damals ging es um den desolaten Zustand unserer Spitäler wegen eines faktischen Investitionsstopps, der ab 1995 verhängt wurde, als erste Pläne der Regierung für Spitalschliessungen heftigst bekämpft wurden: Grosse Investitionen sollten erst getätigt werden, wenn klar war, wohin sich das St.Galler Spitalwesen entwickle. Über Gesundheitspolitik wurde seither allerdings nicht gesprochen, sondern Pflästerlipolitik betrieben. Und dem Volk 2014 Sand in die Augen gestreut: Mit der Erneuerung wurde die Situation nicht besser; im Gegenteil, man sanierte auch Standorte, von denen man – eigentlich – schon wusste, dass sie längerfristig nicht zu halten sind.

Vielleicht fasst ja die eine oder andere Partei doch noch Mut und setzt statt auf die Nachteile von Schliessungen auf deren Vorteile, von denen der finanzielle nur der offensichtlichste ist: Höhere Fallzahlen an grösseren Spitälern machen Eingriffe sicherer. Ambitionierte Ärzte operieren lieber an einem Zentrums- als an einem Regionalspital. Und die zunehmende Spezialisierung lässt sich nur in grösseren Spitälern vernünftig umsetzen. So gesehen, sieht ein längerer Anfahrtsweg für Patienten und Angestellte gar nicht mehr so indiskutabel aus.

«Der Gesunde hat tausend Wünsche, der Kranke nur einen.»
– Indisches Sprichwort.

– Stephan Ziegler, Dr. phil. I